Barocke Tänze lernen

Eines vorweg: Die aus langsamen Gehschritten und unzähligen Verbeugungen zusammengestoppelten "Schreittänze", die oft in Filmen als Barocktanz gezeigt werden, hat es nie gegeben. Warum dann keine Originaltänze gezeigt werden? Ganz einfach: Die Schauspieler müßten sich eine Weile mit dem sehr variationsreichen Schrittmaterial, der richtigen Körperhaltung und Armführung beschäftigen oder sich von Barocktänzern doubeln lassen. Zuviel Aufwand für etwas, das sowieso kein Zuschauer beurteilen kann.
Schade, denn es sind etwa 300 barocke Tänze in gut lesbarer Notation erhalten, die heute ziemlich originalgetreu rekonstruiert werden können - und immer wieder tauchen in Bibliotheken und Archiven "neue", bisher nicht bekannte Tänze für Ballsaal und Bühne auf.

Und der Unsicherheitsfaktor beim Arbeiten mit diesen Notationen? Er ist sicher nicht größer als beim Spielen barocker Musik, und bei der richtigen Bewegung zur richtigen Musik kann man das Lebensgefühl dieser Epoche besonders gut nachvollziehen. Barocker Tanz ist aber mehr als eine Form historischen Reenactments. Kein Mensch kommt auf die Idee, den Tango als "historischen" Tanz des 19. Jahrhunderts abzutun, und doch ist dieser schöne Tanz so "alt". Und der orientalische Tanz ("Bauchtanz") ist ja auch nicht erst gestern entstanden, hat in Europa keine lange Tradition vorzuweisen und ist trotzdem bei uns sehr beliebt geworden. Wo Musik und Bewegung den eigenen Bedürfnissen entsprechen, gibt es eben kein "alt" oder "neu".

Deshalb muß beim barocken Tanz auch weder das Kostüm noch das Auftreten vor Publikum eine zentrale Rolle spielen. Natürlich kann es Spaß machen, ein schönes und idealerweise originalgetreues Kostüm zu tragen und das Gelernte auch vor anderen zu zeigen. Aber auch in Jazzpants und mit Freunden getanzt behält der barocke Tanz seine Qualität, sogar als Solo und nur für sich allein im eigenen Wohnzimmer. So wie alle guten Dinge kann er auch als Selbstzweck bestehen.

 →  Einstieg in den barocken Tanz



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